Alain Di Gallo, was hat Sie dazu bewegt, Kinder- und Jugendpsychiater zu werden?
Alain Di Gallo: Während meines Medizinstudiums interessierten mich der Körper und die Psyche gleichermassen und ich wollte Erfahrungen in beiden Feldern sammeln. Nach zwei Jahren Assistenzzeit in Innerer Medizin und Erwachsenenpsychiatrie erhielt ich hier an den UPK kurzfristig ein Angebot in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich war neugierig. Als ich die Stelle antrat, war mein erster Sohn gerade einen Monat alt. Diese Kombination war spannend und ich merkte rasch, dass ich im richtigen Fach angekommen war. Das ist bis heute so geblieben.
Was berührt Sie in Ihrer Arbeit immer wieder?
In der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien gibt es keine Routine. Jede Situation ist einzigartig. Um die Not und Probleme zu verstehen und helfen zu können, muss ich immer aufmerksam sein und unvoreingenommen zuhören.
Welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren bei psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen beobachten können?
Der Leidensdruck und die Inanspruchnahme von Hilfe haben zugenommen. Ob nun wirklich mehr Kinder und Jugendliche krank sind oder ob unser gesellschaftlicher Blick und die Ansprüche im Lebensumfeld gestiegen sind, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich trifft beides zu. Sicherlich zugenommen haben der Takt des Alltags und der Leistungsdruck. Es erscheint mir manchmal paradox: Obwohl wir bemüht sind, so offen und divers wie möglich zu denken und zu handeln, werden die Spielräume enger und die Ansprüche sich anzupassen steigen. Heute braucht es viel weniger, bis ein Kind auffällig wird oder in der Schule nicht mehr tragbar ist.
Gibt es frühe Warnsignale, die Eltern oder Lehrkräfte häufig übersehen?
Externalisierende Symptome wie Unruhe oder Aggressionen fallen meistens früher auf als internalisierende Symptome wie Ängste oder Depressionen. Besonders Jugendliche, die sich zurückziehen, leiden oft stumm und allein. Entscheidend für uns Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater sind die Stärke und Dauer von psychischen Auffälligkeiten. Hinschauen müssen wir, wenn Kinder und Jugendliche ihren altersgemässen Aufgaben nicht mehr nachgehen, zum Beispiel häufig in der Schule fehlen, nicht mehr spielen oder ihre Freunde sehen mögen und wenn diese Zeichen über mehrere Wochen anhalten.
Wie gelingt es Ihnen, auch sehr verschlossene oder misstrauische Kinder im therapeutischen Setting zu erreichen und Vertrauen zu ihnen aufzubauen?
Das Misstrauen ist oft verständlich und berechtigt. Viele Kinder kommen nicht aus eigenem Antrieb zu uns, haben seelische Verletzungen erlitten und wissen nicht, was auf sie zukommen wird – oder warum sie nun gerade mit mir sprechen sollen. Wir müssen uns also zuerst einmal kennenlernen. Manchmal stelle ich mich als «Doktor für Gefühle» vor und frage das Kind, ob es weiss, was Gefühle sind. Wenn es nickt, frage ich es, ob es ein paar Gefühle nennen kann oder ich zeige mimisch ein Gefühl und schaue, ob das Kind erkennt, was ich spiele. Sehr hilfreich sind auch Übergangshilfen wie gemeinsames Zeichnen und Spielen. Sie bieten dem Kind und mir einen Raum zwischen Realität und Fantasie, der einen Zugang erleichtert. Die Direktheit der Sprache ist gerade für traumatisierte Kinder oft zu bedrohlich, um einen gemeinsamen bedeutungsvollen Raum zu öffnen. Nach dem Kennenlernen müssen wir eine Beziehung zueinander aufbauen. Die Beziehungsarbeit war schon immer und bleibt der zentrale Aspekt unseres Berufs – und eine gute Beziehung ist Voraussetzung für Vertrauen.
Welche Rolle spielen Familie und soziales Umfeld im Heilungsprozess?
Kinder- und Jugendpsychiatrie ist immer Familienpsychiatrie. Die Familie verstehe ich weit gefasst und ziehe alle Personen mit ein, die mit einem Kind oder Jugendlichen in bedeutungsvollem Kontakt stehen. Dazu gehören also auch Peers, Lehrerinnen und Lehrer oder Betreuende in der Tagesstruktur. Denn wir alle – und Kinder ganz besonders – sind abhängig von unserem Beziehungsgeflecht, sind Projektionsflächen von Wünschen, Ängsten, Hoffnungen und Erwartungen unserer sozialen Umgebung. Um entwicklungshemmende Faktoren erkennen und benennen zu können, müssen wir deshalb immer das Umfeld miteinbeziehen. Das dient der Förderung und Heilung.
Wo stösst das heutige Versorgungssystem an Grenzen?
Die Inanspruchnahme von psychologischen und psychiatrischen Leistungen für Kinder und Jugendliche hat während der Corona-Pandemie sehr stark zugenommen und ist seither kaum zurückgegangen. Das betrifft besonders auch Krisen und Notfälle und bringt die Kapazitäten von Kinder- und Jugendpsychiatrien manchmal ans Limit. Wir als Klinik mussten diese Herausforderung für Anpassungen in unseren Zugangswegen nutzen, um weiterhin zu gewährleisten, dass die wirklich kränksten und bedürftigsten Patientinnen und Patienten rechtzeitig die notwendige Hilfe erhalten. Die Psychiatrie kann das allerdings nicht allein und isoliert stemmen – und wir stehen ja praktisch am Ende der Kette. Eine umfassende und professionelle Unterstützung ist nur möglich, wenn wir intensiv in interprofessionellen Netzwerken zusammenarbeiten und nach sorgfältiger Diagnostik klar benennen, ob ein Symptom wirklich psychiatrischer Hilfe bedarf.
Wenn Sie die junge Generation von heute mit früheren vergleichen, was hat sich verändert?
Das Leben ist heute viel enger getaktet als früher. Leerstellen dürfen kaum noch sein und werden gleich medial weggeklickt. Vielleicht bräuchten gerade die jungen Menschen auch mal «lange Weile», um zur Ruhe zu kommen und um Kopf und Seele auszulüften. Schon vor zehn Jahren klagte die Hälfte der Jugendlichen über häufigen Stress. Dabei nannten sie hohe Selbstansprüche und Zeitmangel als Hauptquellen. Unsere heutige Gesellschaft will divers und offen sein, wir spielen mit Identitäten, zeigen uns in jedem sozialen Medium anders. Die meisten Menschen können damit gut umgehen, aber einige sind von den Wahlmöglichkeiten überfordert.
Und was bleibt konstant?
Die Welt ist im Wandel: Klima, Kriege, Autokraten, soziale Ungleichheit sind heute die Themen, die die junge Generation am stärksten herausfordern, weil sie am meisten zu gewinnen oder zu verlieren hat. Bei allem Wandel erstaunt es mich aber, wie ähnlich die Herausforderungen der psychisch schwer kranken Jugendlichen bleiben. Sie kämpfen mit ihrem Selbstwert und ihren nahen Beziehungen, versuchen, den nächsten Tag zu schaffen und nicht an der fehlenden Lebensperspektive zu verzweifeln.
Welche Rolle spielen digitale Medien und die künstliche Intelligenz (KI) für die Identitätsentwicklung und den Selbstwert?
Die künstliche Intelligenz hat ein immenses, unheimliches und lebensveränderndes Potenzial. Aber wer wird deren Entwicklung leiten? Der Mensch? Die KI selbst? Ein konstruktives oder ein hierarchisches Zusammenspiel zwischen beiden? Und wer wird den Lead einnehmen? Wie die KI heute im Alltag genutzt wird, sehe ich kritisch. Es ist ein Unterschied, ob ich vor einem weissen Blatt oder einem leeren Screen sitze und mir überlege, wie ich einen Aufsatz beginne oder ob ich mir einen Entwurf von der KI schreiben lasse, diesen korrigiere und mir dann schönrede, es sei mein Text. Führt das nicht am Ende zu einem Hadern mit der eigenen Kreativität und Sinnhaftigkeit und zu einer Entfremdung von uns selbst?
Wir verlieren uns in der digitalen Welt?
Durch die Digitalisierung vergleichen wir uns heute ständig mit der ganzen Welt, lassen uns diese von Influencern erklären, können Wahrheit und Fake nicht mehr unterscheiden und müssen gegen die Scham ankämpfen, so viele der vorgegaukelten «wunderbaren» Chancen, die uns das Netz verspricht, nicht zu nutzen. Aus meiner Sicht greift es jedoch zu kurz, in den sozialen Medien den Grund für fast alle Probleme der jungen Generation zu sehen. Ich sehe in den sozialen Medien eher einen Spiegel unserer Zeit, die vom Bedürfnis geleitet ist, ständig stimuliert zu werden. Viele junge Menschen haben heute Mühe allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen. Sie können nicht ohne Musik einschlafen, fallen bei Stille in eine Angst vor Leere und versuchen, dieses Gefühl mit online-Präsenz zu kompensieren.
Sie sehen in KI also ein grosses negatives Potenzial?
Natürlich unterliegen meine Gedanken einem Bias. Dem Bias, dem wohl alle Generationen unterliegen, nämlich zu glauben, früher sei zwar nicht alles, aber doch manches, besser und vor allem verständlicher gewesen. Vielleicht sind meine Bedenken bloss Ausdruck meiner eigenen Ängste vor dem Takt der Veränderungen, dem ich nicht mehr folgen kann. Auf alle Fälle mache ich mir nichts vor. Die Digitalisierung wird unsere Zukunft weiter und immer stärker prägen, auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dieses Potenzial müssen wir uns mit Zuversicht zu eigen machen und nutzen. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, dass ich die Verantwortung für die Klinik in jüngere und ideenreiche Hände übergeben darf.
Was gibt Ihnen trotzdem Hoffnung für die Zukunft der psychischen Gesundheit junger Menschen?
Auch wenn immer mehr Kinder und Jugendliche unter einem hohen psychischen Druck leiden, sprechen wir dabei von einer deutlichen Minderheit. Die Mehrheit der jungen Generation meistert die Entwicklungsherausforderungen gut und vermag die Chancen unserer aktuellen Umwelt und Kultur für ihre Entwicklung zu nutzen. Das Vertrauen in das Potenzial und die Kraft der Heranwachsenden ist die wichtigste Botschaft, die wir ihnen auf ihren Weg mitgeben können.
Resilienz ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit. Was macht Jungen heute psychisch widerstandsfähig?
Frühe Bindung und frühe Bildung. Mit diesem Wortspiel spreche ich zentrale Pfeiler der gesunden Entwicklung an. Mit dem Wort Bindung nehme ich die frühen Beziehungserfahrungen auf, die ein Kind macht. Bieten sie dem Kind Sicherheit und sind sie vertrauensvoll, wirkt sich das positiv auf das weitere Leben aus, besonders im Umgang mit Not und Stress. Unter früher Bildung verstehe ich nicht ein ehrgeiziges Vermitteln von Lerninhalten an junge Kinder, sondern das Schaffen einer Basis zur Freude an der Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit. Das gelingt am besten in einer ausgewogenen Balance von Fördern und Fordern, also unter Berücksichtigung der individuellen Stärken und Schwächen. Hier setzen auch wichtige Punkte für die Prävention an. Wenn wir Familien und Schulen in ihren Strukturen und ihrer Befähigung stärken, unterstützen wir die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sehr nachhaltig.
* Prof. Alain Di Gallo studierte Medizin in Fribourg und Basel. Nach seiner Promotion 1990 an der Universität Basel folgte eine zweijährige Tätigkeit am Universitätsspital Basel (USB) und im Gemeindespital Riehen sowie eine mehrmonatige Assistenzzeit in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Liestal. 1992 kam Alain Di Gallo zu den UPK und erlangte drei Jahre später den Facharzttitel für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Es folgte ein Forschungsaufenthalt in Glasgow (Schottland). Danach arbeitete Alain Di Gallo als Oberarzt in der UPKKJ und als Liaisonpsychiater auf der onkologischen Abteilung des Kinderspitals beider Basel (UKBB). Nach zwischenzeitlicher einjähriger oberärztlicher Tätigkeit am Universitätsklinikum Heidelberg folgte die Rückkehr an die UPKKJ (Leitender Arzt, Chefarzt und stellvertretender Klinikdirektor). 2011 und 2012 war Alain Di Gallo als Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland (PBL) tätig. Seit 2012 wirkt er an den UPK als Chefarzt und seit 2015 als Klinikdirektor UPKKJ.
2004 habilitierte Alain Di Gallo an der Universität Basel. Hier lehrte er viele Jahre als Titularprofessor für Kinder- und Jugendpsychiatrie – und wurde von seinen Studierenden immer wieder als einer der besten Dozenten geehrt.
In seiner beruflichen Vergangenheit war Alain Di Gallo unter anderem auch Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP), Co-Präsident der Schweizerischen Vereinigung der Erwachsenen- und Kinder- und Jugendpsychiater (FMPP) und Mitglied der Swiss National Covid-19 Science Task Force. Seit Herbst 2025 ist er auch in einer psychiatrisch-psychotherapeutischer Praxis in Basel tätig.