Philipp Sterzer: Bei Psychosen geht der Bezug zur Realität verloren. Was läuft bei Menschen mit diesem Krankheitsbild im Gehirn anders?
Ich würde zunächst eine kleine Korrektur machen: Es ist nicht so, dass bei Psychosen ein Bezug zur Realität verloren geht, der normalerweise immer und vollständig vorhanden wäre. Unsere Realität ist nämlich immer ein Konstrukt unseres Gehirns – bei gesunden Menschen genauso wie bei Menschen mit einer Psychose. Wir nehmen die Welt nicht einfach eins zu eins wahr, wie sie ist, sondern unser Gehirn macht ständig Vorhersagen darüber, was wahrscheinlich ist, und gleicht diese mit den Informationen ab, die über unsere Sinne hereinkommen. Bei einer Psychose scheint dieses Zusammenspiel von Vorhersagen und sensorischen Informationen gestört zu sein.
Wie zeigt sich das?
Dinge, die eigentlich zufällig oder bedeutungslos sind, können dadurch plötzlich als besonders bedeutsam erscheinen. Und das Gehirn versucht dann, dafür eine Erklärung zu finden. So können beispielsweise wahnhafte Überzeugungen entstehen. Das Interessante daran ist: Das ist gar kein völlig anderes Prinzip als bei uns allen. Wir alle suchen ständig nach Erklärungen und konstruieren uns ein Bild von der Welt. Der Unterschied ist eher, wie stark bestimmte Signale gewichtet werden und wie gut neue Informationen mit unseren bisherigen Überzeugungen abgeglichen werden können.
Was bedeutet eine Psychose für einen betroffenen Menschen?
Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch die Stadt und haben plötzlich das Gefühl: Irgendetwas ist hier anders. Menschen schauen Sie an, ein Auto fährt gerade besonders langsam an Ihnen vorbei, im Radio hören Sie einen Satz, der irgendwie genau zu Ihnen passt. Normalerweise würden wir solche Dinge als Zufall abtun. In einer Psychose können sie plötzlich eine ganz besondere persönliche Bedeutung bekommen.
Der oft zitierte Verfolgungswahn?
Wenn sich solche Erlebnisse häufen, versuchen wir natürlich, uns einen Reim darauf zu machen: Warum passiert das? Wer oder was steckt dahinter? Daraus können dann sehr feste Überzeugungen entstehen – beispielsweise die Überzeugung, dass andere Menschen einen beobachten oder dass jemand Nachrichten speziell an einen selbst richtet. Man spricht dann von einem sogenannten Beziehungs- oder Verfolgungswahn. Bei einer Psychose können ausserdem Halluzinationen auftreten, wie zum Beispiel das Hören von Stimmen. Das bedeutet aber nicht, dass jemand sich etwas nur einbildet. Für die betroffene Person kann eine Stimme tatsächlich wie eine Stimme von aussen klingen, der Sinneseindruck ist real. Das Entscheidende ist deshalb: Für Betroffene ist das in diesem Moment nicht bloss eine Idee oder Vorstellung. Es ist erlebte Wirklichkeit.
In Ihrem Buch «Die Illusion der Vernunft» raten Sie, dass wir alle von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten. Warum?
Weil unsere Überzeugungen immer nur Hypothesen über die Realität sein können. Wir halten uns für viel vernünftiger, als wir eigentlich sind. Wir haben das Gefühl, dass wir die Welt so sehen, wie ist, und dass unsere Überzeugungen immer auf guten Gründen beruhen. Aber unser Gehirn muss ständig mit unvollständigen Informationen arbeiten und kommt manchmal zu Schlüssen, die mit der Realität wenig zu tun haben. Deshalb sollten wir unseren eigenen Überzeugungen mit einer gewissen Skepsis begegnen. Das bedeutet nicht, dass wir überhaupt nichts mehr glauben sollen. Wir brauchen Überzeugungen, um uns in der Welt zurechtzufinden. Aber wir sollten immer die Möglichkeit offenlassen, dass wir uns irren.
Was ist denn eigentlich «normal»?
Das ist fast eine unbeantwortbare Frage. Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass es so etwas wie einen eindeutigen Normalzustand gibt, denn was man als normal betrachtet, ist ja immer eine Frage der Definition. In Bezug auf psychotisches Erleben muss uns klar sein, dass die Grenzen zwischen «gesund» und «krank», zwischen «normal» und «pathologisch», fliessend sind. Natürlich gibt es Fälle, die diagnostisch eindeutig sind und bei denen man sich relativ leicht zum Beispiel auf das Vorliegen eines Wahns festlegen kann. Aber es gibt auch viele Fälle, ihnen denen die Sache nicht so eindeutig ist, und ob das Ganze dann tatsächlich als krankhaft einzuordnen ist, ist dann nochmal eine andere Frage.
Sie arbeiten in Ihrer Forschung mit «Computational Psychiatry», also mit Modellen und Berechnungen. Wie stark spielt KI eine Rolle?
KI ist nicht explizit Teil unseres Forschungsprogramms, aber wir verwenden durchaus KI oder verwandte Methoden in unserer Forschung. So können uns KI-ähnliche Methoden beispielsweise helfen, die Komplexität multidimensionaler Datensätze zu reduzieren, so dass wir aus ihnen Kategorisierungen oder sogar Vorhersagen ableiten können. Der Einsatz von KI zur personalisierten Diagnostik und für Therapieentscheidungen wird derzeit intensiv beforscht, aber das ist nicht unser Schwerpunkt. Wir interessieren uns vor allem dafür, Mechanismen zu verstehen.
Sie gehen davon aus, dass Psychosen durch einen veränderten Abgleich von Vorhersagen mit Sinnesdaten entstehen können. Dieses so genannte «Predictive Processing», welches das Gehirn leistet, kann uns aber alle täuschen. Wie kommt es, dass das eine Gehirn eher richtige Vorhersagen macht, das andere aber nicht?
Ich würde gar nicht sagen, dass das eine Gehirn richtige und das andere falsche Vorhersagen macht. Unser Gehirn liegt mit seinen Vorhersagen eigentlich ständig daneben, mal mehr und mal weniger. Normalerweise funktioniert der Abgleich von Vorhersagen und Sinnesdaten so gut, dass wir uns auf unsere Wahrnehmung einigermassen verlassen können. Bei einer Psychose scheint dieser Abgleich in bestimmten Situationen verändert zu sein. Das Gehirn kann beispielsweise bestimmten Erwartungen oder bestimmten Sinnesinformationen ein zu grosses Gewicht geben. Dann kann etwas, das eigentlich zufällig ist, plötzlich sehr bedeutsam erscheinen. Warum das bei manchen Menschen stärker passiert als bei anderen, ist eine der grossen Fragen der Psychiatrie.
Und welche Antworten haben Sie heute?
Wir wissen, dass viele Faktoren eine Rolle spielen können, genetische Veranlagung, Entwicklung, Lernerfahrungen und Stress. Und vielleicht ist das auch eine wichtige Erkenntnis: Eine Psychose entsteht nicht dadurch, dass ein Mensch plötzlich aufhört, die Realität richtig wahrzunehmen. Vielmehr funktioniert ein Mechanismus, den wir alle brauchen, unter bestimmten Bedingungen nicht mehr so zuverlässig, um aus unvollständigen Informationen ein stimmiges Bild von der Welt zu konstruieren,
Und welches Gehirn hat Recht?
Den Begriff Rechthaben würde ich eher nicht auf Gehirne anwenden, sondern auf Personen. Aber davon abgesehen, gibt es natürlich Situationen, in denen eine Person ziemlich klar Recht hat und die andere nicht (oder weniger). Zum Beispiel dann, wenn sich diese Frage anhand der verfügbaren Daten relativ eindeutig beantworten lässt. Oft geht aber die Diskussion an der Stelle los, wo sich keine Einigkeit darüber herstellen lässt, welche Daten denn nun als Evidenzquelle taugen und welche nicht. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass unser Gehirn nicht darauf optimiert ist, die Welt möglichst objektiv abzubilden. Es ist darauf optimiert, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Dafür konstruiert es Modelle der Wirklichkeit, die oft erstaunlich gut funktionieren, aber nicht notwendigerweise die Realität eins zu eins widerspiegeln. Das führt dann dazu, dass wir uns manchmal schwer damit tun, uns auf eine gemeinsame Realität zu einigen.
Ist eine Psychose heilbar – oder wird sie es jemals sein?
Aus meiner Sicht ist es wichtig, irreführende Dichotomien wie die zwischen «heilbar» und «unheilbar» möglichst zu vermeiden. Bei vielen Menschen lassen sich Psychosen auch heute schon gut behandeln, in dem Sinne, dass Symptome vollständig zurückgehen oder keine Einschränkung mehr besteht. Aber leider greifen die Behandlungsmöglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, nicht bei allen Betroffenen gleichermassen gut. Daher ist es so wichtig, besser zu verstehen, welche Mechanismen bei welchem Menschen zu einer Psychose führen. Wenn wir beispielsweise Wege finden zu verstehen, wie sich bei einer bestimmten Person Wahrnehmung, Erwartungen und die Verarbeitung von Unsicherheit verändern, können wir vielleicht viel gezielter behandeln, statt alle Menschen mit derselben Diagnose mehr oder weniger gleich zu behandeln. Vielleicht wird das langfristig der entscheidende Schritt sein: nicht nur Symptome zu unterdrücken, sondern die Mechanismen zu verstehen, die sie hervorbringen. Dann könnten wir Behandlungen entwickeln, die viel stärker auf die einzelne Person zugeschnitten sind. Ich bin optimistisch, dass wir da in den nächsten Jahren einige Fortschritte machen werden.
*Philipp Sterzer ist seit 2022 Chefarzt an den UPK und Professor für Translationale Psychiatrie an der Universität Basel. Er ist zudem Autor des Buchs «Illusion der Vernunft». Seit dem 1. August 2026 leitet er das Zentrum für psychotische Erkrankungen und Frühintervention (ZPF) der UPK. Darin sind neu die Frühinterventionstagesklinik (FIT) und die Frühinterventionsambulanz (BEATS) integriert. In dieser Funktion wird er die Psychoseforschung an den UPK klinisch stärker verankern, den Bereich wissenschaftlich und fachlich weiterentwickeln und neue Therapieansätze fördern. Zuvor war Philipp Sterzer Chefarzt des Zentrums für Diagnostik (ZDK) und Krisenintervention (KIS) der UPK.
Philipp Sterzer studierte Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der Harvard Medical School in Boston (USA). 2007 erhielt er den Facharzttitel für Neurologie, 2010 jenen für Psychiatrie und Psychotherapie. 2008 habilitierte er sich an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Experimentelle Psychiatrie. 2011 wurde er an der Berliner Charité zum Professor für Psychiatrie mit Schwerpunkt Computational Neuroscience berufen.
In unserer Rubrik «Nachgefragt» greifen wir gemeinsam mit Expertinnen und Experten der UPK ausgewählte Themen auf und beleuchten sie vertieft.
Download Foto Philipp Sterzer (Bildnachweis UPK).
Zum Vormerken: Philipp Sterzer ist an den «Aktionstagen Psychische Gesundheit» zum Thema «Schizophrenie verstehen lernen – Trialogisches Gespräch» mit Angélique Yarbrough (Angehörige, Sozialpädagogin Stiftung Rheinleben) und Nathalie Anderegg (Journalistin mit Psychose-Erfahrung) zu hören. Am Donnerstag, 29. Oktober 2026, SRF-Studio, Meret Oppenheim-Platz 1 b, Basel, von 19 bis 20.30 Uhr.