Gertraud Gradl-Dietsch, ist unser Versorgungssystem an seine Grenzen gestossen?
Unsere Gesellschaft steht in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung vor grossen Aufgaben. Die Nachfrage nach Unterstützung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen und macht den weiteren Ausbau sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung bestehender Angebote erforderlich. Gleichzeitig können wir auf ein engagiertes Netzwerk aus Fachpersonen und Institutionen sowie auf vielfältige etablierte Versorgungsstrukturen aufbauen. Diese gilt es weiter zu stärken und noch besser zu vernetzen, um möglichst frühzeitig wirksame Unterstützung anzubieten. Die zunehmend komplexen Krankheitsbilder erfordern dabei eine enge interprofessionelle und institutionsübergreifende Zusammenarbeit, die zugleich grosse Chancen für innovative und passgenaue Versorgungskonzepte bietet.
Handelt es sich um eine tatsächliche Zunahme von psychischen Belastungen – oder erkennen wir Probleme heute einfach früher und besser?
Wir beobachten bei Kindern und Jugendlichen vermehrt Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Traumafolgestörungen und psychosomatische Beschwerden. Die Nachwirkungen der Pandemie dürften dazu ebenso beitragen wie gesellschaftliche Unsicherheiten und globale Krisen. Auch emotionale Dysregulationen und aggressives Verhalten treten häufiger in Erscheinung. Haben diese Probleme tatsächlich zugenommen, oder erkennen wir sie heute besser? Wahrscheinlich trifft beides zu. Das Bewusstsein für psychische Gesundheit ist gewachsen, diagnostische Möglichkeiten haben sich verbessert und Fachpersonen, Schulen sowie Eltern sind stärker sensibilisiert. Zugleich sprechen wissenschaftliche Daten dafür, dass die psychische Belastung vieler Kinder und Jugendlicher tatsächlich zugenommen hat.
Welche Veränderungen im Versorgungssystem wären aus Ihrer Sicht dringend nötig?
Wir brauchen mehr ambulante und aufsuchende Angebote sowie einen stärkeren Fokus auf Prävention. Entscheidend ist zudem die Zusammenarbeit von Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erwachsenenpsychiatrie, Psychosomatik, Pädiatrie, Schulen und Jugendhilfe. Je früher Unterstützung erfolgt, desto besser sind die langfristigen Perspektiven. Gleichzeitig brauchen wir moderne und innovative Therapieansätze, die Kinder und Jugendliche sowie ihr soziales Umfeld von Beginn an partizipativ in die Behandlung einbeziehen
Digitale Angebote und Online-Therapien nehmen zu. Werden Jugendliche künftig häufiger mit dem Bildschirm als mit Therapeutinnen und Therapeuten sprechen?
Digitale Angebote werden die Versorgung sinnvoll ergänzen – etwa durch Online-Therapien, digitale Gesundheitsanwendungen oder effizientere Abläufe. Der persönliche therapeutische Kontakt bleibt jedoch unersetzlich.
Welche Rolle könnte Künstliche Intelligenz bei der Früherkennung spielen?
KI könnte helfen, Risikomuster früher zu erkennen und grosse Datenmengen auszuwerten. Das eröffnet Chancen für eine frühere Diagnostik. Voraussetzung ist jedoch, dass solche Verfahren wissenschaftlich geprüft sind und hohe Datenschutzstandards erfüllen.
Wo sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten von KI in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Etwa bei der Analyse von Verlaufsdaten, der Individualisierung von Behandlungen oder der Entlastung bei administrativen Aufgaben. KI kann Fachpersonen unterstützen, ersetzt aber keine klinische Expertise.
Welche Risiken sehen Sie?
Fehleinschätzungen, mangelnde Transparenz und der Umgang mit sensiblen Daten sind zentrale Herausforderungen. Psychische Erkrankungen sind komplex und dürfen nicht auf algorithmische Muster reduziert werden.
Kann eine KI eines Tages eine Therapeutin oder einen Therapeuten ersetzen?
Psychotherapie lebt von Beziehung, Vertrauen und Empathie, bedeutet aber auch, dysfunktionale Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen, behutsam zu hinterfragen und Veränderungsprozesse aktiv zu begleiten. KI kann Informationen strukturieren und unterstützen, aber sie kann keine therapeutische Beziehung aufbauen und keine menschliche Erfahrung ersetzen.
Welche Rolle spielt die Prävention?
Eine sehr grosse. Viele psychische Erkrankungen beginnen bereits im Kindes- und Jugendalter. Frühzeitige Unterstützung kann spätere Krankheitsverläufe positiv beeinflussen. Prävention ist allerdings nicht allein Aufgabe des Gesundheitswesens, sondern der Gesellschaft insgesamt. Zentral ist auch die Interdisziplinarität: Kinder- und Jugendpsychiatrie funktioniert nur im Zusammenspiel verschiedener Berufsgruppen und Institutionen. Nachhaltige Versorgungskonzepte entstehen nicht isoliert, sondern gemeinsam.
Wie lässt sich die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen weiter abbauen?
Durch Aufklärung, Offenheit und niedrigschwellige Angebote. Psychische Erkrankungen sollten genauso selbstverständlich thematisiert werden wie körperliche Krankheiten. Schulen, Medien und soziale Netzwerke tragen dabei eine besondere Verantwortung.
Immer mehr Influencer erklären auf Tiktok oder Instagram psychische Erkrankungen. Ist das förderlich?
Soziale Medien können das Bewusstsein für psychische Gesundheit stärken und Hemmschwellen abbauen. Problematisch wird es, wenn wissenschaftlich nicht fundierte Inhalte verbreitet oder Selbstdiagnosen gefördert werden. Deshalb ist Medienkompetenz heute wichtiger denn je.
Was motiviert Sie persönlich an Ihrem Fachgebiet?
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie nimmt innerhalb der Medizin eine besondere Stellung ein. Sie beschäftigt sich mit einer Lebensphase, in der psychische Erkrankungen häufig ihren Ursprung haben und Entwicklung gleichzeitig in besonderem Masse beeinflussbar ist. Das eröffnet die Chance, Entwicklungsverläufe nachhaltig positiv zu beeinflussen, und wirft zugleich grundlegende wissenschaftliche Fragen zur Entstehung, Prävention und Behandlung psychischer Erkrankungen auf. Gerade im universitären Umfeld lassen sich Versorgung, Forschung und Lehre so eng miteinander verbinden, dass neue Erkenntnisse unmittelbar den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zugutekommen.
Sie haben sich intensiv mit Essstörungen beschäftigt. Sind Essstörungen eine Krankheit unserer Zeit?
Nein. Beschreibungen gestörten Essverhaltens finden sich bereits in historischen Quellen. Die Erscheinungsformen haben sich jedoch im Laufe der Zeit verändert und spiegeln stets gesellschaftliche Entwicklungen wider. Heute erkennen wir Essstörungen dank eines besseren Verständnisses deutlich früher und häufiger.
Lange galten Essstörungen vor allem als psychologische Erkrankungen. Heute wird stärker über biologische und metabolische Ursachen gesprochen. Stehen wir vor einem Paradigmenwechsel?
Wir verstehen Essstörungen zunehmend als Erkrankungen, bei denen biologische, psychologische und soziale Faktoren eng zusammenwirken. Vielversprechend sind daher Ansätze, die diese Ebenen verbinden, Bezugspersonen stärker einbeziehen und digitale Unterstützung sinnvoll nutzen.
Warum nehmen Essstörungen bei Jugendlichen derzeit zu?
Essstörungen entstehen nie aus einer einzigen Ursache. Neben genetischen und biologischen Faktoren spielen gesellschaftliche Einflüsse wie Schönheitsideale, Selbstoptimierungsdruck und soziale Medien eine wichtige Rolle. Die psychischen Belastungen der vergangenen Jahre haben diese Entwicklung teilweise verstärkt.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wo steht die Kinder- und Jugendpsychiatrie in 20 Jahren?
Ich hoffe, dass wir die biologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen deutlich besser verstehen und daraus individuellere Therapien entwickeln können. Die Versorgung wird vernetzter, personalisierter und stärker auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten sein. KI wird dabei unterstützen, den persönlichen therapeutischen Kontakt aber nicht ersetzen.
Und wenn Sie die Situation heute in Basel anschauen,wo gibt es Handlungsbedarf?
Basel verfügt über sehr gute Voraussetzungen, die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung gemeinsam weiterzuentwickeln. Mein Zielbild ist ein an die regionalen Gegebenheiten angepasstes Balanced-Care-Modell: präventive, niederschwellige, ambulante, aufsuchende, intermediäre und stationäre Angebote greifen flexibel und bedarfsgerecht ineinander. Kinder und Jugendliche sollen die wirksamste und zugleich möglichst wenig einschränkende Unterstützung erhalten – wann immer möglich in ihrer Lebenswelt und unter Einbezug ihres familiären, schulischen und sozialen Umfelds. Dazu braucht es eine enge Vernetzung von Kinder- und Jugendpsychiatrie, Pädiatrie, Familien, Schulen, Ausbildungsstätten, Jugendhilfe und weiteren Partnern. Entscheidend sind klare Zugangswege, verbindliche Übergänge – insbesondere in die Erwachsenenpsychiatrie – sowie gemeinsam verantwortete Behandlungspfade. So kann eine Versorgung gelingen, die fachlich wirksam, lebensweltnah, für die Mitarbeitenden tragfähig und langfristig finanzierbar ist.
* Prof. Gertraud Gradl-Dietsch hat zum 1. Juni 2026 die Nachfolge von Prof. Alain Di Gallo angetreten und ist die neue Chefärztin und Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (UPKKJ). Zu Gertraud Gradl-Dietschs Schwerpunkten zählen die Anorexia nervosa (Magersucht), der Einsatz Virtueller Realität in Therapie und Lehre sowie sportpsychiatrische Fragestellungen. Weiter auch Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Tic-Störungen und psychotische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Mehr zu ihrem Werdegang in unserer Medienmitteilung vom 24. März 2026.
In unserer Rubrik «Nachgefragt» greifen wir gemeinsam mit UPK-Expertinnen und -Experten ausgewählte Themen auf und beleuchten sie vertieft. Download Foto Gertraud Gradl-Dietsch.