Im neuen UPK-Dossier «Psychiatrie im Wandel» blicken die Gastautoren Gudrun Piller und Daniel Suter vom Historischen Museum Basel auf 140 Jahre UPK zurück. Zugleich gehen Fachleute der UPK der Frage nach, wie sich die Psychiatrie künftig entwickeln kann und soll. Die erste Folge widmet sich der Psychiatriepflege.
Früher
Von der «Irrenwartung» zur Psychiatriepflege
Schon Ludwig Wille, der erste Direktor der 1886 eröffneten Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, betonte die grosse Bedeutung des Pflegepersonals. Wie die meisten Ärzte jener Zeit wollte er in der Behandlung der Kranken möglichst wenig körperlichen Zwang anwenden. Doch dafür brauchte es qualifiziertes Personal: «Ein weiteres Moment des ‘No-restraint’ ist die permanente Beobachtung und Beaufsichtigung der Kranken durch ein erfahrenes und geschultes Wartpersonal», schrieb Wille.
Von professionell ausgebildetem Pflegepersonal war man in jener Zeit jedoch weit entfernt. Hunderte von Patientinnen und Patienten, viele unter ihnen seit Jahren in der Klinik, wurden während der ersten Jahrzehnte von nur drei Ärzten und etwa vierzig «Wärterinnen und Wärtern» betreut. Bis 1908 wurde in der Klinik sogar mehr Geld für den Kauf von Fleisch und Fisch ausgegeben als für die Löhne des Pflegepersonals. Aufgrund der miserablen Arbeitsbedingungen – geringe Bezahlung, 90-Stunden-Woche, Zölibatspflicht und Wohnpflicht in der Anstalt – herrschte eine hohe Fluktuation. Diese Situation führte 1924 zu einem Arbeitskonflikt, bei dem rund hundert Pflegeangestellte mit Kündigung drohten. Die Proteste brachten Verbesserungen, beispielsweise wurde die Zölibatspflicht aufgehoben. Die geforderte 48-Stunden-Woche wurde allerdings erst viel später, im Jahr 1947 eingeführt – und auch nur für Personen mit mehr als 15 Jahren Dienst.
Gleichzeitig wuchs der Anspruch an das Pflegepersonal stetig. Die Pflegerinnen und Pfleger mussten einerseits für Ordnung auf den Abteilungen sorgen, andererseits wurde erwartet, dass sie sich liebevoll, geduldig und «opferwillig» um die Kranken kümmerten. Zudem beaufsichtigten und unterstützten sie die Patientinnen und Patienten bei der Arbeitstherapie. Mit dem Aufkommen der somatischen Therapien wie der Schlafkur, Fieberbehandlung und später der Insulinkur oder Elektrokonvulsionstherapie wurde das Pflegepersonal auch mit medizinisch anspruchsvollen Aufgaben betraut. So mussten die Kranken beispielsweise bei der Schlafkur mehrmals täglich umgelagert, gewaschen, gepudert und mit der Sonde ernährt werden. Ihre Ausscheidungen wurden gewogen, Temperatur, Puls und Atmung laufend gemessen und alles wurde akribisch in Tabellen eingetragen.
Das Aufkommen der modernen Psychopharmaka ab den 1950er-Jahren beschleunigte die Annäherung an die allgemeine Krankenpflege zusätzlich. Vom Pflegepersonal wurde nun immer mehr Fachwissen nicht nur in der Psychiatrie, sondern auch in Physiologie, Medizin und Anatomie verlangt. Neben dem ständig wachsenden Bedarf an Personal führte diese Entwicklung dazu, dass 1957 in Basel die schweizweit erste Schule für Psychiatriepflege eröffnet wurde.
Gudrun Piller und Daniel Suter
Dr. Gudrun Piller und Daniel Suter arbeiten am Historischen Museum Basel und waren massgeblich für die Ausstellung «verrückt normal» über die Basler Psychiatriegeschichte verantwortlich.
Heute
Beziehung als Angelpunkt
Was damals begann, prägt die Psychiatriepflege bis heute – allerdings mit einem grundlegend veränderten Verständnis.
Während in frühen psychiatrischen Einrichtungen Europas Pflege oft gleichgesetzt mit Bewachung war und meist von ungelernten Hilfskräften ohne therapeutische Kenntnisse ausgeübt wurde, sind Pflegekräfte heute zentrale Bezugspersonen für Patientinnen und Patienten. Aus einer vorwiegend kontrollierenden Tätigkeit ist eine eigenständige, professionelle Disziplin geworden, die eine wichtige Rolle im therapeutischen Prozess spielt.
Die moderne Psychiatrie orientiert sich an einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit. Konzepte wie Recovery, Inklusion und individuelle Lebensqualität prägen den Alltag – und damit auch die Arbeit der Pflege.
Doch die Anforderungen wachsen weiter – fachlich, organisatorisch und gesellschaftlich. «No Restraint»-Konzepte erfordern hohe Anforderungen an die Mitarbeitenden einer Psychiatrie – und oft auch ein Umdenken in den Köpfen vieler Beteiligter. Die UPK, an denen das Konzept der Offenen Türen seit vielen Jahren gelebt wird – sind hier führend und gehen konsequent diesen Weg.
Morgen
Mehr Verantwortung, mehr Gestaltungsspielraum
Franziska Rabenschlag*, die Rolle der Pflege in der Psychiatrie hat sich komplett verändert. Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Wie schaut die Psychiatriepflege von morgen aus?
Die Ansprüche werden weiter steigen: an die Ausbildung, das Fachwissen sowie an die therapeutischen Kompetenzen wie zum Beispiel bei der Psychedelika-assistierten Therapie oder bei Autismus Spektrum Störungen (ASS). Und sicherlich kommen auch Veränderungen in Bezug auf KI-assistierte Therapieformen auf uns zu.
Wenn Sie auf die Geschichte der Pflege zurückblicken, gibt es etwas, was Sie aus heutiger Sicht nicht verstehen können?
Nicht nachvollziehbar beziehungsweise schwierig finde ich die kulturellen oder historisch gewachsenen und unveränderten Formen der Zwangsmassnahmen. Obwohl es Studien gibt mit Betroffenen, die Alternativen oder Präferenzen beschreiben, unterscheiden sich die Zwangsmassnahmen der einzelnen Kliniken schweizweit in Bezug auf Anzahl und Durchführung beträchtlich. Als Pflegeleiterin bin ich wirklich froh über die Open Doors Policy an den UPK – und darüber, dass wir seit Jahrzehnten unsere Patientinnen und Patienten nicht fixieren.
Was braucht die Psychiatriepflege von morgen, um trotz ökonomischem Druck und Fachkräftemangel menschlich zu bleiben?
Sie braucht Gestaltungsspielraum, um in Bezug auf Zeit, Ressourcen oder auch mal ungewöhnlichen Lösungen menschlich zu bleiben. Die psychiatrische Pflege empfinde ich immer noch als wunderbaren Arbeitsort, um mit Menschen in Beziehung zu kommen und etwas bewirken zu können auf einer individuellen Ebene. Gleichzeitig sehe ich eine Herausforderung im zunehmenden administrativen Aufwand.
Werden wir in Zukunft viel offener mit psychischen Krankheiten umgehen?
Das sehe ich zwiespältig; einerseits findet das Thema psychische Gesundheit und Krankheit in sozialen Medien, in Berichten von berühmten Personen, bei Vorträgen ein grosses Publikum, andererseits hat die Stigmatisierung Betroffener eher zugenommen. Ausserdem bemerke ich bei jüngeren Berufskolleginnen und -kollegen, dass sie selber eher ungern eine Unterstützung oder Therapie in Anspruch nehmen. Aber der Begriff «Mental Health» ist doch alltäglich und bekannt geworden.
Wenn Sie die Psychiatrie im Jahr 2050 beschreiben müssten: Wo steht sie – und woran würden wir erkennen, dass wir aus den heutigen Krisen gelernt haben?
Wir verfügen dann über ein viel grösseres Wissen über psychische Erkrankungen – und können zielgerichteter behandeln; Die Pflegefachpersonen sind spezialisiert und verfügen über eine krankheitsspezifische Expertise; Pflegeexpertinnen und -experten mit einem akademischen Abschluss, so genannte Advanced Practice Nurses (APNs), sind in der psychiatrischen Versorgung Teil der interdisziplinären Teams und bereichern selbstverständlich die Praxis mit ihrem Versorgungsauftrag; Weiter ist die Finanzierung der ambulanten Versorgung geregelt und ermöglicht sie auch tatsächlich; Die Entlöhnung ist anderen öffentlichen Berufen angeglichen; Soziale Themen wie Einsamkeit oder Armut sind Teil des Behandlungsauftrags und damit finanziert; Neubauten entsprechen neusten gesundheitsarchitektonischen Erkenntnissen; Und die Anzahl von Zwangsmassnahmen ist drastisch gesunken und Fixierungen sind schweizweit nicht mehr erlaubt.
*Dr. Franziska Rabenschlag, Klinikleitung Pflege der UPK Privatklinik (UPKP), Zentrumsleitung Pflege der Zentren für Diagnostik und Krisenintervention (ZDK) und Psychotische Erkrankungen (ZPE).
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